Assistenzhunde im Einsatz – ein Erfahrungsbericht

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 2021/03 des Pferdemagazins Kavallo Schweiz – Online-News, Community, Print-Magazin abgedruckt.

«Juri – such EPI» – der 2-jährige Dalmatiner-Rüde Juri schnellt aus dem Sitz hoch und fängt an mit grösster Motivation das EPI zu suchen. Das EPI, ein rein fiktiver Name, ist eigentlich ganz simpel nur ein Futterbeutel, der mit einem T-Shirt gefüllt ist. Das T-Shirt aber ist ein ganz Spezielles: Es trägt den Duft meiner «Ohnmacht».

Seit einem schweren Autounfall vor 10 Jahren leide ich an chronischen Schmerzen. Unzählige Operationen, die sich schon lange nicht mehr an zwei Händen abzählen lassen, führten zu einem neuropathischen Schmerzsyndrom, so dass ich andauernd, 24-Stunden am Tag Schmerzen verspüre. Werden die Schmerzen zu stark, reagiert mein Körper mit Ohnmachtsanfällen, um sich selber zu schützen. Das gemeine daran, ich habe keinerlei Vorahnung, wann denn die nächste Ohnmacht kommt. Die Folge davon war sozialer Rückzug, Aufenthalte in der Öffentlichkeit wurden als wie mehr gemieden vor Angst, dass zum x-ten Male die Ambulanz gerufen wird. Auch Verletzungen gehörten zur Tagesordnung, denn war der Fall zum Boden ungünstig, kam es auch schon zu Platzwunden oder Hirnerschütterungen.

So kann es nicht weitergehen, dachte ich mir und machte mich auf die Suche nach Möglichkeiten, die Situation zu verbessern. Unsere Züchterin hatte schliesslich den genialen Gedanken, man könne es doch mit einem Assistenzhund versuchen. Und so stiess ich auf den «Verein Assistenzhundezentrum Schweiz». Nach einem Vorgespräch und einer Wesensprüfung stellte sich heraus, dass sich Juri als Assistenzhund eignen könnte – doch würde er es überhaupt schaffen, eine drohende Ohnmacht zu erkennen? Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Trainerinnen noch nie mit einem solchen «Fall» zu tun. Wir liessen uns auf das Experiment ein – schliesslich läuft während einer Ohnmacht ganz enorm viel im Körper ab – ähnlich wie bei einem Epilepsieanfall, und ein solcher lässt sich ja bekanntlich auch von guten Spürnasen voraussagen. Es werden Hormone ausgeschüttet, es kommt zur Schweissbildung, der Herzschlag wird höher, chemische Verbindungen und Veränderungen finden statt, also all das, was eine feine Hundenase zu riechen und zu verspüren vermag. Und so kam es, dass ein während einer Ohnmacht getragenes, unscheinbares T-Shirt plötzlich zum allerwichtigsten «Lernmittel» für mich und Juri wurde.

Nach nur knapp 1.5 Jahren und zahlreichen Übungs- und Seminarstunden, zusammen mit unserer Trainerin, aber auch alleine zu Hause, hat Juri im Alter von 2.5 Jahren die Abschlussprüfung zum medizinischen Warnhund erfolgreich bestanden. Sein Können wurde speziell auf meine Bedürfnisse abgestummen. Zu seiner Hauptaufgabe gehört insbesondere das Warnen vor einer drohenden Ohnmacht. Nimmt Juri den typischen Geruch meiner Ohnmacht wahr, so fängt er an mich mit seiner Pfote anzustupsen, erst leicht, dann immer heftiger, bis ich reagiere. In der Regel nimmt er den Duft bereits 15 Minuten vor einer Ohnmacht wahr. Diese Minuten sind äusserst wertvoll, denn so ist noch genug Zeit vorhanden, um mich selber in Sicherheit zu bringen. Meist reicht es schon, mich einfach hin zu setzen oder zu legen und Schmerzmittel zu nehmen. Der Körper beruhigt sich wieder, der Duft verschwindet und Juri entspannt sich wieder. Zu Hause habe ich ein Notfallkit mit Schmerzmitteln deponiert, welches Juri mir auf Befehl holen kann, so dass ich bei Unwohlsein nicht mehr aufstehen muss. Kommt es doch zu einem Notfall und ich bin nicht mehr ansprechbar, so kann Juri von zu Hause aus einen Notfallkontakt via Mobiltelefon kontaktierten. Das einfache «Seniorenhandy» verfügt über einen Notfallknopf, den Juri mit Hilfe einer bestimmten Vorrichtung mit der Pfote bedienen kann. Wird der Alarm ausgelöst, ertönt ein akustisches Signal, an dem Juri erkennt, dass die Alarmierung erfolgreich war.

Wenn wir unterwegs sind, so ist Juri mit einer speziellen Weste gekennzeichnet. Kommt es im öffentlichen Raum zur Ohnmacht, holt Juri ohne Aufforderung Hilfe herbei und Passanten finden in seiner Weste nützlich Informationen, wie sie mir helfen können. Mit der Weste hat Juri auch besondere Zutrittsrecht. So darf er sich an Orten aufhalten, an denen Hunde normalerweise verboten sind. So haben wir als Team Zutritt zu Lebensmittelläden, Krankenhäuser und Arztpraxen, Flugkabinen etc. – sprich überall, wo auch Menschen mit Strassenschuhen hingehen dürfen.

Neben seinem wichtigen Job als medizinischer Assistenzhund ist und darf Juri aber auch nur «Hund» sein.

Als aktiver und quirliger Dalmatiner spielt er leidenschaftlich gerne mit Herrchen und Frauchen und ist jederzeit für ein Wettrennen und eine Rauferei mit anderen Hunden zu haben. Ebenso liebt er ausgedehnte Spaziergänge und die ausgiebigen Kuschelstunden mit Frauchen. Immer wieder von Neuem fasziniert es mich, wie dieses liebenswerte Schlitzohr es innert Sekunden schafft, vom Spiel- in den Arbeitsmodus zu wechseln. Seine Anwesenheit ist für mich zu unschätzbarem Wert geworden, nicht nur physisch, sondern besonders auch psychisch. Er lässt das Leben wieder «Leben» sein.

Sandra Billerbeck-Braschler

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