Assistenzhunde: Mehr als Blindenführhunde

Stimmengewirr umgibt Maja. Ihr Herz rast. Der kalte Zigarrenqualm, der den grauhaarigen Mann, der sie überholt, wie eine Wolke umgibt, beschert ihr einen Schwall von Übelkeit. Ihre Wangen glitzern vor Schweiß. Sie ringt um Luft. Panisch versuchen ihre Hände die Tischplatte vor ihr zu greifen zu bekommen.

„Mir ist schwindelig Balu. Such Bank“, fordert Maja den gelben Labrador-Rüden auf.

Quelle: Deutsches Assistenzhunde-Zentrum T.A.R.S.Q. / Christiane Kremser

Eine riesige rosa Hundenase streckt sich in ihr Gesicht. Dann setzt sich der Rüde in Bewegung. Nach einer Minute quer durch den Verkaufsraum des Möbelgeschäfts legt der Hund seinen Kopf auf einen Stuhl. Sein Frauchen lässt sich auf den Stuhl fallen. Große grüne Augen treffen ihren Blick.

„Danke, super gemacht.“

Balu schmiegt sich an Majas Hand und genießt die Streicheleinheiten für seine Hilfe.

Balu ist ein PTBS-Assistenzhund. Maja leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Damit sie trotz ihrer Erkrankung den Alltag meistern kann, hat ihr Psychiater ihr vor drei Jahren einen Assistenzhund verordnet.

Quelle: Deutsches Assistenzhunde-Zentrum T.A.R.S.Q. / Christiane Kremser

Bevor Balu einzog, traute sich die junge Frau nicht mehr aus dem Haus. Menschenmengen vermied sie aus Angst vor Panikattacken. Der Rüde änderte alles. Seit er an ihrer Seite ist, führt er sie bei Panikattacken zu einem ruhigen Sitzplatz. Erinnert sie an die Techniken zur Beruhigung, die sie mit ihrer Therapeutin besprochen hat und unterbricht Flashbacks. Wenn sie in einer Schlange im Supermarkt anstehen muss, stellt er sich als Barriere zwischen sie und andere Menschen, damit ihr keiner zu nahe kommen kann. Zu Hause schickt sie den Assistenzhund zuerst in die dunkle Wohnung, wo er alle Lichter anschaltet und die Wohnung auf einen Fremden durchsucht. Kommt er ruhig zu ihr zurück, weiß sie, es ist sicher, sie kann die Wohnung betreten. Würde sich ein Einbrecher beispielsweise im Schrank verstecken, hat der Labrador gelernt zurück zu Maja zu kommen und ihre Hand anzustupsen.

Quelle: Deutsches Assistenzhunde-Zentrum T.A.R.S.Q. / Patricia Stroucken/PaSt-Fotografie

Bestimmt fragen Sie sich jetzt, warum ein PTBS-Assistenzhund nicht einfach bellen kann, wenn er einen ungebetenen Gast entdeckt. Stellen Sie sich mal eine Situation vor, in der Sie bereits angespannt sind und Angst empfinden. Alles, was Sie sich wünschen, ist, dass Ihre Angst nicht zutrifft. Wie würde Ihr Körper reagieren, wenn Ihr Hund jetzt bellt? Würde sich dann nicht alles in Ihnen zusammenziehen und aus Angst würde Panik oder gar Todesangst werden?

Genau deshalb wäre es keine große Hilfe, wenn der PTBS-Betroffene allein in der Wohnung steht, während sich der Hund gefühlte Lichtjahre entfernt aufhält und bellt. In der Praxis hat sich gezeigt, dass allein die Anwesenheit des Vierbeiners Sicherheit vermittelt, besonders in solchen Krisensituationen.

Ein Assistenzhund stellt stets eine Hilfe für seinen Menschen dar. Egal ob PTBS-Assistenzhund, Blindenführhund oder LpF-Assistenzhund für einen körperbehinderten Hundeliebhaber. Ihre Hauptaufgabe ist das Helfen. 

Sicherlich haben Sie schon mal einen Blindenführhund gesehen oder einen Hund, der einen Rollstuhlfahrer begleitet. Aber wussten Sie, dass die größte Gruppe der Assistenzhunde eine andere ist? In den letzten Jahren ist die Zahl der PTBS-Assistenzhunde rasant gestiegen. Inzwischen bilden die meisten Assistenzhundetrainer am häufigsten PTBS-Assistenzhunde aus. Weil der Bedarf so hoch ist.

Quelle: Deutsches Assistenzhunde-Zentrum T.A.R.S.Q. / Laurence Opp | AdActa Fotomomente

Neben PTBS-Assistenzhunden, Blindenführhunden und LpF-Assistenzhunden, gibt es noch weitere Assistenzhundearten. Wichtig für ihren menschlichen Partner sind alle:

  • Warnhunde: warnen Diabetiker, Epileptiker, Asthmatiker, Migräniker, Narkoleptiker oder Schlaganfallbetroffene rechtzeitig vor einem medizinischen Notfall.
  • Anzeigehunde: helfen Epileptikern oder Menschen mit psychogenen Anfällen, wenn der Anfall eingetroffen ist, indem sie Hilfe holen, an die Medikamenteneinnahme erinnern und dem Notarzt die Tür öffnen.
  • Autismushunde: unterstützen vor allem Kinder aus dem Autismus-Spektrum, ihre Familien und einige betroffene Erwachsene bei den Herausforderungen im Alltag. Der Assistenzhund meldet den Eltern, wenn der Autist versucht wegzulaufen, beruhigt den Autisten bei Meltdowns und unterbricht Stereotypen.
  • Mobilitätshunde: übernehmen die Balance insbesondere beim Treppensteigen oder stützen beim Aufstehen. Ihre Aufgaben ähneln durch das Apportieren und das Schubladenöffnen denen eines LpF-Assistenzhundes. Jedoch ist ihr Mensch nicht auf einen Rollstuhl angewiesen, sondern leidet unter einer Gehbehinderung.
  • Demenzassistenzhunde: Senioren können im Anfangsstadium der Demenz einen Assistenzhund erhalten, der auf Kommando nach Spaziergängen nach Hause führt oder über ein GPS-System am Halsband den Aufenthaltsort des Assistenzhunde-Teams durchgibt. Falls nötig, gibt der Demenzassistenzhund Angehörigen Bescheid, wenn der Erkrankte die Wohnung verlässt. Gleichzeitig motiviert der Hund seinen Partner zum Essen, Anziehen, Spazierengehen und morgens Aufstehen.
  • Signalhunde: legen ihre Pfote auf das Bein des Partners oder stupsen seine Hand an, wenn die Tür oder das Telefon klingeln oder beim Spazierengehen ein Auto oder Fahrrad von hinten naht. Morgens springen sie ins Bett und machen den Menschen wach, wenn der Wecker klingelt.
  • Seltene Assistenzhunde: Assistenzhundetrainer erhalten regelmäßig Anfragen von Familien und Einzelpersonen, die keine der typischen Erkrankungen haben, bei denen ein Assistenzhund helfen kann. Solange diese Erkrankung so einschränkend ist, dass sie als Schwerbehinderung gilt und es für einen Hund sicher und möglich ist Aufgaben zu übernehmen, um diese Einschränkung zu mindern, kann ein Assistenzhund ausgebildet werden. In diesen Fällen werden in der Regel Elemente und Aufgaben aus verschiedenen Assistenzhundearten genommen. Darunter fallen meist FAS-Assistenzhunde für Kinder mit dem fetalen Alkoholsyndrom, die Autismushunden ähneln, Assistenzhunde für Mehrfachbehinderungen und Assistenzhunde für Betroffene mit dem Down-Syndrom. Letztere werden, wie alle Assistenzhunde übrigens, ganz individuell auf die Bedürfnisse dieses einen Menschen ausgebildet. Wie unterschiedlich die Menschen, so verschieden sind auch die Situationen, in denen ein Assistenzhund helfen soll. Während ein Assistenzhund für einen Menschen mit Trisomie 21 wie ein Blindenführhund lernt, konsequent an jedem Straßenübergang stehenzubleiben und auf herausfahrende Autos aus Einfahrten aufmerksam zu machen, trainiert ein anderer Türen zu öffnen und die Medikamentenflasche zu bringen, wenn eine Herzerkrankung dies, wie bei der Hälfte aller Down-Syndrom-Kinder erforderlich macht.
Quelle: Deutsches Assistenzhunde-Zentrum T.A.R.S.Q. / Laurence Opp | AdActa Fotomomente

Luca Barrett / Deutsches Assistenzhunde-Zentrum T.A.R.S.Q.

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