Erfolgsgeschichte bei Autismus Spektrum Störung (ASS)

Aus meiner Sicht als lizenzierte Trainerin bei SwissHelpDogs

Eine junge Dame mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) und Familie hatte sich bei mir gemeldet. Sie hatten gehört, dass ein Assistenzhund auch bei jungen Menschen mit Autismus helfen kann.

Die junge Dame, um die es sich handelte, ging seit über 4 Jahren nur noch aus dem Haus, wenn es unbedingt sein musste. Also eigentlich nur im allerhöchsten Notfall. Sie konnte aufgrund ihrer Einschränkung nicht zur Schule, nicht mit Gspändli abmachen und generell praktisch nicht am Leben teilnehmen. Ihr Leben fand ausschliesslich in der elterlichen Wohnung statt.

Nach Beantwortung einiger Fragen hatte die Familie einen Info-Abend von SwissHelpDogs besucht, wo jeweils auch die lizenzierten Ausbildner vor Ort sind. Dies gab die Gelegenheit für einen ersten persönlichen Kontakt.

Beim Assistenzhunde-Training allgemein, bei ASS aber insbesondere, ist die Sympathie das A und O. Wenn diese nicht stimmt, wird es später im gemeinsamen Assistenzhunde-Training schwierig. Deshalb vereinbart man nach dem Info-Abend ein Erstgespräch. An diesem kann ich als Assistenzhunde-Trainerin erklären, wie die Ausbildung abläuft, besprechen wo die Erwartungen liegen und Fragen beantworten. Aber insbesondere kann man sich dabei auch gegenseitig kennenlernen.

So habe ich das auch bei dieser Familie gemacht. Und hatte bei der jungen Dame das Gefühl, dass wir uns gut unterhalten konnten und dass es stimmig sein könnte. Aber das muss bei ASS nicht unbedingt so sein. Die Betroffenen können sich gut „zusammenreissen“ und verstellen. Oft äussern sie erst später, in ihrem „Wohlfühl-Umfeld“, wie sie es wirklich empfunden haben.

Hier hatte mich aber mein Gefühl nicht getäuscht. So haben wir uns nochmals verabredet, um die Anforderungen an den künftigen Hund zu besprechen. Dabei haben wir versucht herauszufinden, welche Rasse in Frage käme, wie gross der Hund sein soll; ob lieber Rüde oder Hündin, ob Langhaar, Kurzhaar, Rauhaar und so weiter. Die Wahl fiel auf einen grossen, dunklen Hund mit halblangem Haar. Ein Rüde wurde gewünscht.

Nicht immer können alle Wünsche erfüllt werden, manchmal gibt es auch Kompromisse einzugehen. Aber ich habe versucht, mit meinen Vorschlägen so nah wie möglich an die Wunschvorstellung zu kommen. Wir hatten über Schäfer und Schnauzer gesprochen, weil auch der Wunsch da war, dass der Hund etwas Beschützendes vermitteln soll. Nach längeren, intensiven Gesprächen kamen wir dann aber auf den Flat Coated Retriever.

Ich suchte eine Zuchtstelle und nahm Kontakt mit einer Züchterin auf. Ich erklärte, dass der Hund ein Assistenzhund werden würde. Sie war sehr interessiert und gespannt darauf, die Familie kennenzulernen. Ein Hindernis war aber, dass es der jungen Dame nicht möglich war, mehr als eine Stunde zu fahren. Gemeinsam mit der Züchterin hatte ich vereinbart, dass Treffen in der Nähe des Wohnortes der Familie zu machen. Wir (die Züchterin und ich) hatten extra den Treffpunkt nicht im Hause der jungen Dame vereinbart, sondern ausserhalb, damit ein kleiner Schritt der jungen Dame gemacht werden musste, um die Flat Coated Retriever live zu sehen.

Die Rasse und Züchterin gefiel der Familie und sie haben sich auf die Wartliste für Welpen setzen lassen. Nach langem Warten wurde dann der gewünschte Rüde geboren. Die Familie durfte ihren Hund als erste auswählen. Aber dazu musste die junge Dame dorthin reisen. Das war sehr schwierig für sie und brauchte mehrere Anläufe. Ich bestand aber darauf, dass nicht ich den Welpen aussuche, sondern dass dieser vor Ort zwar mit meiner Unterstützung aber selbst ausgesucht wird.

Schliesslich klappte die Reise und es war dann auch ganz schnell klar,
auf welchen Welpen die Wahl fiel.

Juhui! Der erste grosse Schritt war getan. Auch bei späteren Besuchen
bei den Welpen änderte sich die Wahl nicht. Es war einfach Liebe auf
den ersten Blick.

Dann zog der Welpe schliesslich ein. Das war eine schwierige Zeit. Um die Situation zu entlasten, nahm ich den Welpen ein paar Wochen zu mir und meiner menschlichen und tierischen Familie. Um den Kontakt zu erhalten und die Bindung zu fördern, kam die junge Dame zu uns oder wir trafen uns bei ihnen zu Hause oder auf dem Hundeplatz, wo ich eine Jugend & Hund-Gruppe leite. Langsam konnte ich die junge Dame, mit ihrem Zwirbel in die bestehende J&H-Gruppe integrieren.

In der nächsten Etappe sollte der Hund wieder schrittweise in sein eigentliches Zuhause bei der betroffenen Familie umgesiedelt werden. Zunächst nur tageweise, dann an Wochenenden und dann für mehrere Tage. Rasch konnte der Junghund wieder fest bei seinem
Frauchen wohnen.

Bei wöchentlichen Terminen hatten wir dann insbesondere an Bindung und Vertrauen gearbeitet, so dass das Team immer mehr zusammenwuchs. Umwelt- und Grundgehorsam funktionierten immer besser, so das langsam der nächste Schritt angegangen wurde: Einkaufen.

Mehrere Wochen lang liefen wir nur vor den Einkaufszentren hin und her. Rein oder nicht rein? Oder nur schnell rein und gleich wieder raus? Schliesslich war die junge Dame vor mehr als 4 Jahren das letzte Mal in einem Einkaufsgeschäft. Irgendwann konnten wir in den Eingangsbereich und wieder raus. Die junge Dame wollte vor lauter Freude gleich wieder rein und raus, so dass ich sie bremsen musste.

Auch in der nächsten Woche machten wir wieder dasselbe Prozedere. Nur mal vor den Einkaufsladen gehen, ohne Zwang reingehen zu müssen. Oder auch nur kurz rein und wieder raus. So wie es halt ging. Diesmal sagte sie aber ganz spontan „ich möchte ganz rein“. Da sich der angepeilte Laden im
unteren Stock befand, musste sie sich für Treppe oder Lift entscheiden. Auch das gelang, wir benutzten den Lift.

Danach waren wir alle drei voller Freude. Die erste grosse Hürde zurück in einen „normalen“ Alltag war geschafft!

In der Folge schafften wir Zug um Zug und in relativ rasantes Tempo weitere Hürden. Nachdem wir im Blumenladen einen Strauss für Mama kaufen konnten, haben Frauchen und Hund auch eine Station mit dem Bus hervorragend gemeistert.

Mit jedem Schritt der langsam zurückgewonnenen Teilnahme und Lebensqualität wuchs auch die Lebensfreude. In der Folge fuhren wir eine längere Strecke mit dem Zug nach Bern und konnten dann sogar noch entspannt auf einen Einkaufsbummel (übrigens so ganz und gar nicht meine Lieblingsbeschäftigung, aber für das Team gehe ich da durch).

Z.B. Blocken und Splitten (ein Teil der Assistenzleistung) von allen Seiten wurde geübt, dass die Menschen der jungen Dame nicht zu nahekommen. Es wurden und werden immer mehr Assistenzleistungen eingebaut. Es gab aber auch Phasen, die schlechter gingen. Und dann hat Corona vieles wieder verschlimmert. Trotzdem wurde bisher vieles erreicht, was nachhaltig gelingt. Die junge Dame kann mit mir oder ihren Eltern einkaufen gehen und macht allein mit ihrem Hund ausgiebige Spaziergänge – das wäre vor einem Jahr noch undenkbar gewesen.
Auch kann die junge Dame mittlerweile mit ihrem angehenden Assistenzhund zwei Tage in der Woche ins MIAN -Lernstudio (Studio für individuelles lernen mit ASS).

Ich werde das Team weiter begleiten, unterstützen und fördern. Und wenn der Hund 24 Monate alt ist und die Prüfungsreife erreicht hat, dürfen die beiden zur Qualifikationsprüfung bei SwissHelpDogs antreten. Auch nach der Prüfung werde ich das Team weiter betreuen, denn SwissHelpDogs schreibt regelmässige Nachbetreuungstermine und nach zwei Jahren
Erhaltungsprüfungen vor.

Ich arbeite inzwischen seit mehreren Jahren als Assistenzhunde-
Trainerin und könnte noch ganz viele bewegende Geschichten über
den Weg von Betroffenen zurück ins Leben mit einem Assistenzhund erzählen. Zum Beispiel von einem anderen ASSbetroffenem Mädchen, welches ich im Rahmen meiner Tätigkeit schon einige Jahre betreue. Nach einem bemerkenswerten Weg mit ihrem Assistenzhund, konnte die inzwischen junge Dame die Töffli-Prüfung und die Auto-Theorieprüfung machen. Sie ist nun in einer Lehre, obwohl die IV ihr prophezeite, dass sie niemals in der Lage sein würde, eine Lehre zu absolvieren.

Diese Entwicklungen begleiten zu dürfen und einen Teil davon zu
sein, motiviert mich immer wieder und macht einfach so viel
Freude.

Daniela Küffer-Hörler

SWISSHELPDOGS (dog-community.ch)

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