Raufergruppe – Sinn oder Unsinn?

Vorneweg, ich bin fasziniert, was für Resultate nach 3 Tage Raufergruppe bei den einzelnen Hunden zu erreichen möglich sind. Ich durfte im Oktober bei dogument.de beim «Fightclub» mit Coco teilnehmen. Es wird definitiv nicht meine letzte Teilnahme sein.

Einige Kommentare auf einen Beitrag zum Thema Raufergruppe auf Facebook:

«Raufer werden mit anderen Raufern durch Maulkorb eingeschränkt zusammengeschmissen. Was soll ein Raufer von Raufern lernen?» (Zitat Facebook-UserIn)

«Was nicht passt wird passend gemacht. Warum können wir Menschen nicht akzeptieren, dass jeder Hund ein Individuum ist und auch das Recht hat, so behandelt zu werden» (Zitat Facebook-UserIn)

«Es gibt Hundehalter, die wegen einem Vorfall sich nicht mehr getrauen, ihren Hund mit anderen zusammen frei laufen zu lassen. Angeleint an kurzer Leine sicher nicht zu empfehlen, in eingezäuntem Areal unter Kontrolle und fachlich kompetenter Anleitung kann es ein lehrreiches Erlebnis sein. Es gibt Hunde, die nicht gelernt haben zu kommunizieren. Wenn sie die Chance bekommen, dies nachzuholen und zu erlernen, kann dies durchaus ein Gewinn für Hund und Halter sein. Hier ist die kompetente Anleitung und Begleitung allerdings wichtig. Viele Hunde sind gar keine “schlimmen Raufer”, sondern haben einfach keine Idee, was sie sonst tun könnten.» (Zitat Facebook-UserIn)

Was soll das bringen? «Raufer werden mit anderen Raufern durch Maulkorb eingeschränkt zusammengeschmissen. Was soll ein Raufer von Raufern lernen?» (Facebook-Userin)

Voraussetzungen

TrainerInnen – Die wichtigste Voraussetzung für eine sinnvolle und erfolgreiche Raufergruppe ist die Erfahrung und die innere Haltung der TrainerInnen. Sie agieren mit einer liebevollen und wohlwollenden Grundhaltung gegenüber allen TeilnehmerInnen und Hunden. Sie verstehen die HundehalterInnen mit ihren Ängsten, Befürchtungen und Bedürfnissen. Sie können Hunde lesen, erkennen was gerade abgeht und sind bereit, wenn nötig auch mal dazwischenzugehen. Sie haben Erfahrung mit Aggression und können auch damit umgehen. Sie können sich selbst gut einschätzen und gehen nur kalkulierte Risiken ein. Sie koordinieren die teilnehmenden Teams. Sie können das geeignete Setting für die TeilnehmerInnenhunde definieren. Nicht jeder Hund kann von jedem anderen Hund etwas lernen. Die TrainerInnen sind auch bzgl. Theorie auf dem aktuellen Stand und können dies didaktisch verständlich vermitteln.

Infrastruktur – Es braucht eine geeignete Infrastruktur: einen abgelegenen, gesicherten und übersichtlichen Hundeplatz. Abgelegen deshalb, da zufällige Zaungäste erstens eine zusätzliche Unruhe ins System bringen und zweitens, sie sehen nur eine Momentaufnahme, es fehlt das Hintergrundwissen und können es entsprechend nicht einschätzen.    

Sozio-positive Hunde – Weiter braucht es einige sozio-positive Hunde, die mit Aggressivität von einzelnen Hunden umgehen können und als Sparringpartner für die sozio-negativen Hunde zur Verfügung stehen,

Sozio-negative Hunde – Die sozio-negativen Hunde (Raufer) werden alle mit Maulkorb gesichert. Dazu ist ein gut passender Maulkorb notwendig, der nicht vom Kopf rutschen kann.

Ablauf

Beim Ablauf gehe ich bewusst nicht ins Detail. Ich möchte vermeiden, dass jemand auf Grund von meinem Bericht und ohne einschlägige Ausbildung und Erfahrung auf die Idee kommt, selbständig eine Raufergruppe durchzuführen.

Zum Ablauf gehören aber dazu: ein Erstgespräch mit der HalterIn. Wie umfangreicher dies durchgeführt werden kann umso besser. Als Mindestresultat braucht es eine ehrliche Einschätzung des eigenen Hundes und zudem die Erwartung des Verhaltens des eigenen Hundes. Es gibt HundehalterInnen, die eine Befürchtung haben, was alles passieren könnte, wenn ihr Hund in eine Rauferei geraten würde. Bei einigen ist es aber noch gar nie so weit gekommen und konnte immer vorher unterbunden werden. Unter Umständen ist die Erwartung eine komplette andere, als es dann in Wirklichkeit der Fall ist.

Anschliessend wird einen Kontakt pro Raufer mit der sozio-positiven Gruppe und eine Zusammenkunft der sozio-negativen Hunde durchgeführt. Solange es eine faire Kommunikation zwischen 2 Hunden ist und keiner verletzt wird, wird dies – auch eine Rauferei – laufengelassen. Hunde, die Schutz bei ihrem Menschen suchen, erhalten diesen auch. Ziel ist es, zu erkennen, wie der Hund in den verschiedenen Situationen agiert/reagiert und eine Einschätzung für die Trainingseinheiten zu machen. Da kommt auch raus: aus welchem Gefühl agiert/reagiert der Hund und was ist sein Bedürfnis. Welche Ziele sollen erreicht werden?

Für jeden Hund werden die nächsten Settings und nächsten Trainingssituation zusammengestellt und durchgeführt. Dazu gehören auch Impulskontrolle in schwierigen Situationen. Entspannung der Mensch/Hundeteams ist ein wichtiger Bestandteil einer guten Raufergruppe.

Die Raufergruppe sollte ein Ort des Friedens, der Harmonie, des Kuschelns und des Entspannens sein

Nadin Matthews, 22.10.2022
www.dogument.de

Chancen – Lerneffekte:

Ein Hund kann lernen, dass er bei einem Hundekontakt noch weitere Möglichkeiten hat, statt nur mit Aggression zu reagieren.

Er kann lernen,

  • zu imponieren, zu drohen, statt gleich draufzuhauen
  • zu streiten, ohne bis aufs Äusserste gehen zu müssen
  • wegzugehen, ohne sich zu streiten
  • freundlich Kontakt aufzunehmen
  • dass es auch freundliche Hunde gibt

Der/die HundehalterIn kann lernen,

  • was wirklich passiert, wenn es zum Konflikt kommt. Es ist keine Befürchtung mehr sondern Gewissheit
  • kann lernen, dass es kein Problem ist
  • die Angst vor Aggression abschwächen oder gar zu verlieren
  • eine Faszination für Aggression zu entwickeln und sich weiterzubilden
  • welche Möglichkeiten zur Trennung von Hunden in einem Konflikt möglich sind
  • wie ein Ernstkampf beendet werden kann (nur Theorie, da dies in der Raufergruppe nicht vorkommt)
  • einzuschätzen was, wie lange laufengelassen werden kann und wann man einschreiten muss
  • wie dazwischen gegangen werden kann

TeilnehmerInnen ohne Hund können lernen,

  • wie eine Raufergruppe aufgebaut werden kann
  • welche Kompetenzen zum Durchführen einer Raufergruppe notwendig sind
  • die Angst vor Aggression abschwächen oder gar zu verlieren
  • eine Faszination für Aggression zu entwickeln und sich weiterzubilden
  • welche Möglichkeiten zur Trennung von Hunden in einem Konflikt möglich sind
  • wie ein Ernstkampf beendet werden kann (nur Theorie, da dies in der Raufergruppe nicht vorkommt)
  • einzuschätzen was, wie lange laufengelassen werden kann und wann man einschreiten muss
  • wie dazwischen gegangen werden kann

Risiken

Ohne Restrisiko kann eine Raufergruppe nicht durchgeführt werden. Grundsätzlich gibt es bei jedem Hundekontakt auch ausserhalb einer Raufergruppe ein Risiko, nur dort sind die Hunde selten mit Maulkorb gesichert.

Zielgruppe – für wen ist die Teilnahme in einer Raufergruppe sinnvoll

Sozio-negative Hunde – Die Teilnahme in einer Raufergruppe ist für Mensch/Hunde-Teams, wenn

  • der/die HalterIn mehr über das Aggressionsverhalten seines/ihres Hundes erfahren bzw. Klarheit erhalten möchte.
  • der Hund sich bei Hundekontakten mehrheitlich aggressiv verhält und scheinbar keine andere Lösung für die Auflösung der Situation findet.

WICHTIG: Jagdverhalten gehört nicht zu Aggressionsverhalten. Hunde, die nur Jagdverhalten zeigen, sind für die Teilnahme ungeeignet

Sozio-positive Hunde – Die Teilnahme für sozio-positive Hunde ist sinnvoll, wenn

  • der/die HalterIn mehr über das Aggressionsverhalten seines/ihres Hundes erfahren bzw. Klarheit erhalten möchte.
  • der Hund sich sozio-positive gegen andere Hunde mehrheitlich sozial gegenüber anderen Hunden verhält, solange vom Gegenüber keine Aggression

TrainerInnen / Interessierte Hundehalter – Die Teilnahme eignet sich, wenn

  • die Verhaltensbeobachtung geschult werden soll
  • um Praxis-Erfahrung im Bereich Aggressionsverhalten zu sammeln
  • um Erfahrung beim Aufbau bzw. Durchführung einer Raufergruppe zu erhalten
  • die Angst vor Aggression abschwächen oder gar zu verlieren

Fazit

Für mich war diese Erfahrung rund um positiv. Ich war fasziniert, wie Hunde lernen miteinander zu kommunizieren, ohne aufs Äußerste gehen zu müssen. Wir hatten einige “richtige” Raufer, die nach kurzer Zeit verstanden haben, dass Imponieren und Drohen ausreichen, um einen Konflikt durchzustehen.

Wir hatten auch Hunde, die mit der Situation überfordert waren und die dann ein eigenes Setting erhielten und so zusammen mit Ihrem/r HalterIn ihren nachhaltigen Nutzen daraus ziehen konnten.

Ich habe auch mit meiner Coco viel gelernt. Sie geht keinem Kampf aus dem Weg, kann sich dann aber trotzdem mit meiner Unterstützung heraushalten und ihren Impuls kontrollieren. Es fällt ihr (noch) schwer. Ich habe nun die Gewissheit, wie sie reagieren wird und weiß woran ich mit ihr arbeiten kann.

Mein Tipp: Wenn dich das Thema Aggression interessiert, wenn du selbst einen Raufer hast, wenn du als TrainerIn dies kennen möchtest, usw. und dann nimm an einer Raufergruppe teil. Schau dir aber genau an wer dies anbietet.

Frank Zeugin Dog-Akademie – Dog-Community

2 Responses to “Raufergruppe – Sinn oder Unsinn?

  • Guten Abend, ich bin Georg und habe mit meiner Frau und unserem 4 jährigem, intaktem Briard Rüden teilgenommen.
    Ich kann Frank’s Enthusiasmus teilen.
    Hier ging es eb gerade darum zu vermeiden, das nicht hinreichend ausgebildete/inkompetente Menschen Hunde einfach zusammen zu werfen/um mal zu sehen was passiert.
    Wir haben hier erfahren wie man so eine Gruppe systematisch/empathisch aufbauen kann. Hier wurden wirklich die Bedürfnisse und Chancen für Tier und Halter heraus gearbeitet und analysiert. Kein Tier “fiel hinten runter”. In unserem Fall zeigte sich unter anderem, dass wir Bolle mit fröhlicher Stimmung in der soziopositiven Gruppe helfen konnten seine Anspannung im spielerischen Bereich im sprichwörtlichen Sinne zu lösen.
    Das die Tiere im abgesicherten Rahmen einmal lernen konnten Situationen auszuhalten, und auch einmal die “gute” Entscheidung zu treffen, war eine wertvolle Erfahrung und beeindruckend.
    Das wird im Alltag (“gezwungenermaßen”) meißt vermieden. Wir und der Hund haben sehr profitiert. Der Hund verhält sich seit dem souveräner, besonnener und wägt in unseren Augen seine Entscheidungen “bedachter” ab.
    Solche Gruppen gehören in die Hand von gut ausgebildeten und auch erfahrenen Profis, die trotz allem Amateure bleiben / es aus Liebe zur Sache tun.
    Genau dafür war dieses Seminar meines Erachtens gedacht, um angehenden Trainern genau das zu vermitteln.
    Ich bin sehr dankbar für die Erfahrung. Schön das man bei Dogument diesen Weg geht.

    • Herzlichen Dank Georg für deinen Kommentar.
      Mein Blog-Artikel ist in dem Fall genau richtig rübergekommen.
      Bis hoffentlich bald mal wieder.

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